|
Künstler-Datenbank
| Miró, Joan | Der einer katalanischen Handwerkerfamilie entstammende Miró, 1893 im heute zu Barcelona gehörenden Ort Montroig geboren, erlernte zunächst einen kaufmännischen Beruf, bevor er mit dem Einverständnis seiner Eltern im Alter von 19 Jahren diesen aufgab und ein Studium an der Kunstakademie aufnahm. Dort wurde sein Talent erkannt und gefördert, doch schon nach drei Jahren, im Jahre 1915, verließ er die Akademie und begann seine Karriere als freier Künstler. Die traditionelle katalanische Malerei, aber auch Cezanne, van Gogh und Matisse beeinflussten seine frühen Kompositionen, die von einer starken Rhythmisierung und einer kraftvollen Formensprache geprägt waren.
1920 besuchte Miró erstmals Paris, er lernte Picasso kennen, aber auch weitere Avantgardisten der Pariser Szene. Sie alle beeinflussten sein Werk für einige Jahre, in den nach wie vor gegenstandsbezogenen Arbeiten dieser Zeit lässt sich mal das Formenvokabular des Kubismus, ein anderes Mal die Bildsprache des Fauvismus oder der Neuen Sachlichkeit erkennen.
Der Kontakt zu André Masson, seiner wichtigsten Künstlerfreundschaft, eröffnete ihm den Zugang zu den Pariser Surrealisten. In seinem Stil vollzog sich ein grundlegender Wandel, er löste sich vom Gegenständlichen hin zu einer fantasievollen, surrealen Traummalerei eines Maler-Dichters, des Peintre-Poète. Imaginäre Szenerien werden mit Fabelwesen und symbolhaften, an die Natur angelehnte Formen belebt. Neben der Farbe wurde die Linie zu einem gleichwertigen konstituierendem Element seiner Bilder. Doch im Gegensatz zu den Surrealisten arbeitete Miró nicht nach dem Zufallsprinzip, vielmehr überdachte und prüfte er sein Schaffen und arbeitete mit Vorstudien.
Die Arbeiten der 30er Jahre dokumentieren die Hin- und Hergerissenheit Mirós zwischen Fantasie und Imagination einerseits und der Einbindung der sichtbaren Wirklichkeit auf der anderen Seite, vor allem auch hervorgerufen durch die politischen Wirren und das Trauma des drohenden Krieges. Die Angst vor dem 1936 ausbrechenden spanischen Bürgerkrieg führte 1935 zur endgültigen Übersiedlung nach Paris. Doch schon fünf Jahre später verlässt er Paris wieder, um sich nach vorübergehenden Aufenthalten in der Normandie und auf Mallorca wieder in Barcelona niederzulassen.
Bereits 1938 formulierte Miró: "…je mehr ich arbeite, desto mehr Lust habe ich zu arbeiten. Ich möchte gerne eine Presse haben und mich in Druckgrafik versuchen, auch in Bildhauerei und Töpferei, und soweit wie möglich über das Staffeleibild hinauskommen, das meiner Meinung nach zu beschränkt ist. Ich möchte mich durch die Malerei den vielen Menschen nähern, an die ich seit jeher denke."
Dieses Anliegen hat er dann in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts verwirklicht, indem er sich schwerpunktmäßig auf die Grafik konzentrierte. So sind zwischen 1928 und seinem Tod 1983 jeweils über 1200 Lithografien und Radierungen entstanden, neben den Unikaten, Plastiken und Skulpturen, Keramikobjekten und Wandbildern.
Die enge Verzahnung des Peintre-Poète mit der Literatur, ausgelöst durch zahlreiche Feundschaften mit surrealistischen Literaten aus seiner Pariser Zeit, durchzieht sein gesamtes künstlerisches Schaffen. Häufig illustrierte er Gedichtbände und Kurz-Literatur. Miró übersetzte die Botschaften mancher Poeten in seine eigenen Bildwelten. Durch die Vereinzelung der Bildgegenstände, das Vermeiden von Berührungen und Überschneidungen, werden diese als dechiffrierbare Zeichen erkennbar und lesbar.
Mensch und Welt, Mikro- uns Makrokosmos, Materie und Geist treten durch formverwandte Zeichen miteinander in Austausch und durchdringen sich gegenseitig. Vor allem die Auseinadersetzung mit der Figur des "Ubu Roi", einer wunderbar grotesken Figur des Kleinbürgertums aus dem gleichnamigen Theaterstück von Alfred Jarry, dessen skandalauslösende Wiederaufführung im Paris der 20er Jahre Miró miterlebte, durchzieht sein ganzes Werk. Miró benutzt den "Ubu" immer wieder als arabeskenhafte Metapher für Diktatoren oder auch die Könige der Neuzeit, das mallorcinische Strandpublikum, dessen Entwicklung er aufmerksam verfolgt, seit er 1956 auf diese Balearen-Insel übergesiedelt ist.
Oft hält die kalligrafie auch Einzug in seine Arbeiten, wie z.B. bei dem Blatt aus
der Serie "Die Eidechse mit den Goldfedern". Miró lässt die bildliche Darstellung seines Gedichtes seiner Handbewegung folgen und wählt sein Schiftbild so, dass die Zeilen seines Gedichtes ein barockes Muster formen.
Das bedeutende grafische Werk von Miró hat in der europäischen modernen Kunst des 20. Jahrhunderts kaum Vergleichbares aufzuweisen. Mirós Formenwelt ist aus einer Mischung von surrealen Elementen mit Abstraktionen geboren, die sich durch einen heiteren Grundton auszeichnen. Das spielerische Element durchzieht das grafische Werk Miros wie ein roter Faden. Es sind die in seinem Werk immer wieder vorkehrenden Zeichen und Hieroglyphen aus der frühgeschichtlichen Höhlenmalerei und der Bildwelt der Mythen, aus der romanisch-christlichen Wandmalerei Kataloniens, die seine Vorliebe für das Groteske und seinen Sinn für Humor belegen.
Trotz weitestgehender Abstraktion sind seine Formen fast immer vegetativ, freundliche Unwesen bevölkern seine Bildflächen. Kaum einem Maler der klassischen Moderne ist es gelungen, sich eine so charakteristische eigene Formenwelt zu schaffen, sie gleichsam zu seinem Markenzeichen zu machen. Da treiben sie nun ihren Schabernack, die Kobolde, die fabelhaften Mischwesen, angetan mit den prächtigsten Farben, mit denen sie ihre phantastischen Formen bekleiden. Es ist ein freies Zusammenspiel von Form und Farbe, welches sich zu einem leuchtenden, farbenfrohen Bildganzen zusammenfügt. Unterstützt wird dies bei manchen Arbeiten durch einen ornamentalen Bildgrund, der manchmal wie ein eigenständiges Bild wirkt, dies ist z.B. bei der Farblithografie "Interieur und Nacht" der Fall, die auf eine bereits bedruckte Tapete gedruckt worden ist.
Mirós verspielte Bildwelt lässt der Phantasie freien Raum. Augenzwinkernd wird hier vorgeführt, dass das Leben nicht so erdenschwer sein muß, wie es oft genommen wird. Da Miró neben der Kalkulation auch zunehmend dem Zufall und der Spontaneität in seinem Schaffen einen Platz einräumte, bleiben Freiräume, die zu besetzen wir aufgefordert sind.
Seit den 1970er Jahren zeigen seine Grafiken eine zunehmende Tendenz zu breiten schwarzen Konturen, die als autonomes Gestaltungselement die Komposition bestimmen. Das Nichtfarbe Schwarz steht mit dem gleichen, wenn nicht sogar dominierenden Anteil, neben den leuchtenden Primärfarben. Manchmal weist der Künstler mit seinen phantasievollen Titeln den Weg zur richtigen Assoziation, lässt aber auch andere Interpretationsansätze zu.
Sein Spätwerk ist von spielerisch-heiteren Figuren geprägt. Die geometrische Strenge seiner figurativen Wesen wird nun zunehmend durch spontane Gesten, wie Fingerabdrücke, Farbkleckse oder Farbspritzer belebt. Zu seinen bevorzugten Motiven gehören die Gestirne, Tiere und Figuren, die der Künstler phantasievoll in seinen Grundfarben Rot, Blau, Gelb und Grün umsetzt.
Kaum ein anderer Künstler seiner Zeit hat ein ähnlich heiteres Werk geschaffen. Mirós Bildwelten sind urzeitlich und gegenwärtig zugleich. Das Verspielte, bisweilen verträumte seiner Kompositionen hat Miró eine große Anhängerschaft beschert, nicht zuletzt auch deswegen, weil seine Bildwelten optisch ansprechen und sich in ihrem Gehalt komplizierten Auslegungen eher widersetzen.
"Für mich muß ein Bild funken sprühen. Es muß einen blenden wie eine schöne Frau oder ein Gedicht. Es muß Funken sprühen wie die Steine, mit deren Hilfe sich die Bauern in den Pyrenäen ihre Pfeifen anzünden." sagte Miró einmal. | | Werke: |  La Creole |  Das Feuerwerk
|  La Rana
|  Oda à Joan Miró
|
| [ Zurück zur Übersicht ]
|